Sélection d'articles
7 juillet 2003
Stuttgarter Zeitung
Kultur
Andreas Langen
Pose und Porträt
"Face to Face": Fotoschau in der Galerie der Stadt Stuttgart
Öffentliche Debatten können aber auch Anlass zu fotografischer Arbeit sein, wie im Fall von Jochen Gerz" Serie "Die Zeugen". Während des Prozesses um einen prominenten Nazikollaborateur porträtierte und interviewte Gerz einige Dutzend Zeitzeugen. Schlichte Schwarzweissporträts ohne jede Ambition auf technisches oder kompositorisches Raffinement betonen den dokumentarischen Ansatz, der durch die fast literarische Qualität der aufgedruckten Texte eine berührende emotionale Dimension bekommt. Diese versuchen die benachbarten Werke von Chuck Close und Gottfried Helnwein eher auf dem Wege technischer Brillanz herzustellen. Mit schier überlebensgroßer Schärfe dramatisieren sie Gesichter zu Landschaften, unbeeindruckt vom Spott des amerikanischen Fotokünstlers Duane Michals, der einmal ätzend kommentierte, Falten als Charakter zu deuten, sei keine Einsicht, sondern Beleidigung.
Fotografie und Porträt sind eine so alltägliche Paarung, dass Geburtstags-, Weihnachts-, Urlaubs- und Freizeitfotografen wie du und ich kaum jemals darüber nachdenken. Gut, dass es die Kunst gibt. Als notorische Zweiflerin stellt sie ihr Handwerkszeug so lange in Frage, bis die ermüdenden Gewohnheiten des Betrachtens und Abbildens bereichert werden um neue Gesichtspunkte. Eine üppige Ansammlung solch anderer Sehweisen hält die Ausstellung "Face to Face" bereit. In der Galerie der Stadt Stuttgart buchstabiert sie Begriff und Gebrauch der Porträtfotografie anhand von Exponaten, deren Autoren zur ersten Garde ihres Fachs gehören, darunter Richard Avedon, Andy Warhol, Sebastiao Salgado, Nan Goldin, Andreas Gursky und Wolfgang Tillmans.
Dieser Aufmarsch von Prominenz wurde möglich, weil die Ausstellungsmacher aus einem der größten und besten Vorräte künstlerischer Fotografie wählen konnten, nämlich der Sammlung der DZ-Bank. Wie in einer Goldgrube müssen sich die Mitarbeiter der städtischen Galerie vorgekommen sein, als sie dem Fundus von mehr als fünftausend Glanzstücken des zwanzigsten Jahrhunderts einige hundert Bilder entnahmen, die jetzt in einer einmaligen Zusammenstellung zu sehen sind. - Selten waren die verschachtelten Räume der städtischen Galerie so schön bespielt wie derzeit. In einem geschlossenen Kreis können sich die Besucher durch Hallen und Kabinette bewegen, treppauf und -ab, wechselweise von monumentalen wie intimen Formaten umgeben, von artifiziellen wie dokumentarischen Fotos, Serien und Einzelstücken, porenscharf präzise bis atmosphärisch verschwommen. Mal stoßen die Elemente dieser Anordnungen mit bewusst gewählter Wucht aufeinander, mal ergeben sie harmonische Gefüge.
Die vielleicht herausforderndsten Positionen erwarten den Betrachter gleich in der Eingangshalle. Ins Riesenhafte vergrößert und farblich verfremdet, macht Katharina Sieverding banale Aufnahmen aus medizinischen Diagnoseapparaten zu rätselhaften Tafelbildern, während Kevin Clarkes benachbarte Porträts überhaupt keine Personen mehr zeigen - er stellt Individuen durch farbverfremdete Gegenstände dar, über deren Abbildung die abstrakten Zeilenfolgen von Säuresequenzen gelegt sind, wie sie die genetische Identität eines Menschen bestimmen. Wer diese einschüchternd rätselhaften Konstrukte passiert hat, kann sich im anschließenden Raum gleich wieder mit gewohnt Gegenständlichem erden.
Richard Avedons unübertrefflich klare Porträts der Serie "In the American West" lassen gleichwohl keine Gemütlichkeit aufkommen, denn seine Modelle zeugen mit ihrer messerscharfen Präsenz von der Härte des Lebens in jenem Land, dass seinen Lebensstil immer noch als Vorbild für den Rest der Welt versteht - kein Wunder, dass Avedons erste Präsentation dieser Bilder Mitte der achtziger Jahre in Texas wütende Kritik hervorrief.
Öffentliche Debatten können aber auch Anlass zu fotografischer Arbeit sein, wie im Fall von Jochen Gerz" Serie "Die Zeugen". Während des Prozesses um einen prominenten Nazikollaborateur porträtierte und interviewte Gerz einige Dutzend Zeitzeugen. Schlichte Schwarzweissporträts ohne jede Ambition auf technisches oder kompositorisches Raffinement betonen den dokumentarischen Ansatz, der durch die fast literarische Qualität der aufgedruckten Texte eine berührende emotionale Dimension bekommt.
Diese versuchen die benachbarten Werke von Chuck Close und Gottfried Helnwein eher auf dem Wege technischer Brillanz herzustellen. Mit schier überlebensgroßer Schärfe dramatisieren sie Gesichter zu Landschaften, unbeeindruckt vom Spott des amerikanischen Fotokünstlers Duane Michals, der einmal ätzend kommentierte, Falten als Charakter zu deuten, sei keine Einsicht, sondern Beleidigung. Oder auch Ironie: Anton Corbijn hatte seinen Ruf als Autor angeblich authentischer Starporträts irgendwann so satt, dass er Promis aus dem Showgeschäft in doppelbödigen Inszenierungen auftreten ließ - zum Beispiel den irischen Rockstar Bono schlecht verkleidet als mexikanischen Ganoven mit falschem Schnauzbart.
Die Italienerin Floria Sigismondi treibt das Verwirrspiel mit Verkleidungen mit anderer Absicht. Als Spross einer Familie von Opernsängern mit dem Opulenten bestens vertraut, schlüpft sie selber in verschiedenste Rollen, deren Inszenierung nichts an Perfektion zu wünschen übrig lässt - so beim Posieren als hilflose Marilyn mit einem vermeintlichen Blumenstrauß im Arm, der sich bei näherem Hinsehen als ein martialisches Bündel von Messern und anderen Schnittwerkzeugen entpuppt. Fast wie absurde Bühneninszenierungen wirken auch die Beiträge des Finnen Esko Männikkö, der seine Landsleute in heimischer Umgebung ablichtet.
Dieser heimliche Höhepunkt der Ausstellung fällt unter den sonst bisweilen spröden Konzeptkunstbeiträgen auch deswegen auf, weil er über die seltene Gabe des Humors verfügt. Wenn Männikkö den Moment abpasst, in dem ein zerknitterter Malocher ein Lamm mit der Babyflasche säugt, während er selbst am Stummel einer Zigarette zieht, dann zeigt sich wieder einmal, dass die echten Geschichten die besten Geschichten sind - auch für Porträtfotografen.
 
Bis 2. Oktober, Schlossplatz 2, geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Mittwoch 11 bis 20 Uhr




vers le haut