Sélection d'articles
11 juillet 2004
Welt am Sonntag
Andreas Fasel
Blut, Schweiß, Tränen
Das Düsseldorfer Schumannfest wagt einen Neubeginn. Gottfried Helnwein bebildert mit seinen Fantasien das Oratorium "Paradies und Peri"
...Eine gelungene Annäherung ist aber dennoch daraus geworden. Der Tänzer und Choreograf Gregor Seyffert hat dafür zusammen mit dem österreichischen Rundum-Künstler Gottfried Helnwein in die Kuppel der Tonhalle einen Riesenreif gehängt, der die Anmutung eines überdimensionalen Heiligenscheins hat... Die beiden Künstler fanden in dem mehr als 150 Jahre alten Stück einen Ausgangspunkt ihrer Ästhetik: Seyffert als Tänzer des Androgynen. Und noch deutlicher Gottfried Helnwein, der seine Blut- und Binden-Phantasmen auf der Bühne und auf breitformatigen Videoeinspielungen auslebt - und sich in Schumanns exaltiert-nazarenischem Opus vermutlich ganz wie zu Hause in seiner katholischen Kindheit fühlt. Die teils erstklassigen Gesangssolisten geraten bei diesem Mysterien-Spektakel ein bisschen in den Hintergrund. Aber, wie gesagt, bei diesem Schumann-Werk ist das vielleicht sogar besser so.
Das Paradies und die Peri
2004
Krisen passen ja eigentlich ganz gut zu einem Festival, das dem Komponisten Robert Schumann gewidmet ist, diesem grandiosen Musiker zwischen Avantgarde und Absturz, der sich nach drei Jahren Düsseldorfer Musikdirektoren-Dienst von einer Rheinbrücke schmiss und hernach in eine Bonner Nervenheilanstalt eingewiesen wurde. Andererseits muss natürlich jeder Festivalmacher ein strotzendes Programm machen und ein paar gesunde Zahlen vorweisen, sonst hat er bald kein Geld und keine Sponsoren mehr, und es ist aus und vorbei mit dem Festival. Deswegen beschloss vor einigen Jahren die Düsseldorfer Robert-Schumann-Gesellschaft, das in Form und Inhalt etwas angestaubte und kränkelnde Schumannfest erst einmal einzumotten - um sodann etwas Neues, Modernes, in die Zukunft Weisendes aus der Kiste zu zaubern; einen echten Schumann eben.
Nach vier Jahren der Stille ist es nun soweit, in diesen Tagen läuft das achte Schumannfest, und man darf es wohl als einen Versuch verstehen: Gelingt er oder gelingt er nicht? Das ist zunächst einmal und in erster Linie eine künstlerische Frage. Doch hinter der steht bei einem Festival dieser Kategorie immer auch eine ökonomische Antwort.
Insofern ist es kein Zufall und nicht die schlechteste Entscheidung, dass die Schumann-Gesellschaft die Kulturmanagerin Christiane Oxenfort als Festivalleiterin bestellt hat. Denn dieser Düsseldorferin von Geburt und Überzeugung ist bereits mit einer anderen Kulturveranstaltung ein schönes Bravourstück gelungen. Vor 13 Jahren gründete sie den "Altstadt Herbst". Das war zu Zeiten, in denen man Geldgeber eigentlich noch verschämt Mäzene nannte, Oxenfort aber scheute sich nicht, das Thema Sponsoring offensiv zu verkaufen. Mit dem Erfolg, dass sich dieser "Altstadt Herbst" erstens bis heute hält - und zweitens ein Programm anbietet, das neben dem lokalen Kulturschaffen immer auch überregionale Ambition beinhaltet. Der "Altstadt Herbst" leistet sich nicht nur die sicheren Zugnummern, sondern obendrein noch das ein oder andere Experiment. Und den Willen zum Unangepassten.
Derlei macht sich natürlich auch in einem Schumannfest gut. Die so genannten "Nachtwanderungen" beispielsweise sind ein Element, das so oder so ähnlich in einem "Altstadt Herbst" vorkommen könnte: An fünf verschiedenen Orten wird zu später Stunde improvisiert, interpretiert, gelesen, gesungen und gespielt, und der Zuhörer darf sich seine eigene Dramaturgie zurechtlegen. Aber auch zu anderen Tageszeiten wird Neues geboten, der Name Schumann verpflichtet ja zur Uraufführung. Und es ist unbedingt lobenswert, dass man den auf dem Programm abgedruckten Schumann-Satz in der Festival-Neuauflage endlich ernst nimmt: "Ehre das Alte hoch, bringe aber auch dem Neuen ein warmes Herz entgegen."
Jedoch, den Kern des Festivals bildet naturgemäß das Schaffen Robert Schumanns. Aber selbst darin gibt es ja einige Stücke, die man nur mit viel Risikobereitschaft aufs Programm setzen kann - wie etwa das Oratorium "Das Paradies und die Peri" für Solostimmen, Chor und Orchester, um das Musiker sich in den letzten Jahren vermehrt bemühen. Mit meist mäßigem Erfolg: Heutige Zuhörer tun sich schwer mit dieser breit ausgewalzten Geschichte um die Peri, jenes bedauernswerte Kind eines gefallenen Engels und einer Sterblichen, das sich mit drei blut- und tränentriefenden Erzählungen Zutritt ins Paradies verschaffen muss. Da fragt man sich durchaus, was den kühnen Tonsetzer Schumann geritten hat, dass er glaubte, ausgerechnet mit einer derartigen Religions-Verschwiemelung eine "neues Genre für den Konzertsaal" schaffen zu können.
Nun wird vermutlich auch die Düsseldorfer Aufführung von "Das Paradies und die Peri" keine vollständige Rehabilitation des Werkes erreichen. Eine gelungene Annäherung ist aber dennoch daraus geworden. Der Tänzer und Choreograf Gregor Seyffert hat dafür zusammen mit dem österreichischen Rundum-Künstler Gottfried Helnwein in die Kuppel der Tonhalle einen Riesenreif gehängt, der die Anmutung eines überdimensionalen Heiligenscheins hat oder eines abgenadelten Adventskranzes. Dort oben turnen fünf Tänzer herum, die an Stahlseilen auf- und niederschweben und mit ihren weißen Lederhauben aussehen wie eine göttliche Fallschirmeinheit beim Formationssprung. Unten plagt sich die Peri ab (Gregor Seyffert, der einem überbelichteten Marilyn Manson ähnelt), um in dieses Himmelfahrtskommando aufgenommen zu werden. Stattdessen kommt es zum mehrmaligen Engelssturz - Zuschauer mit schwachen Nerven sollten rechtzeitig die Augen schließen.
Diese Oratoriums-Inszenierung ist aber mehr als nur eine akrobatische Luftnummer. Die beiden Künstler fanden in dem mehr als 150 Jahre alten Stück einen Ausgangspunkt ihrer Ästhetik: Seyffert als Tänzer des Androgynen. Und noch deutlicher Gottfried Helnwein, der seine Blut- und Binden-Phantasmen auf der Bühne und auf breitformatigen Videoeinspielungen auslebt - und sich in Schumanns exaltiert-nazarenischem Opus vermutlich ganz wie zu Hause in seiner katholischen Kindheit fühlt. Die teils erstklassigen Gesangssolisten geraten bei diesem Mysterien-Spektakel ein bisschen in den Hintergrund. Aber, wie gesagt, bei diesem Schumann-Werk ist das vielleicht sogar besser so.
Artikel erschienen am 11. Juli 2004
Das Paradies und die Peri, Oratorio by Robert Schumann
2004, with Gregor Seyffert , Robert-Schumann-Festival, Tonhalle Düsseldorf
Das Programm des achten Schumannfests
Das Festival läuft noch bis zum 18. Juli. Das Oratorium "Das Paradies und die Peri" ist zu sehen: heute um 11 Uhr sowie Montag bis Mittwoch jeweils um 20 Uhr in der Düsseldorfer Tonhalle. Es spielen die Düsseldorfer Symphoniker, es singt der Städtische Musikverein, Solisten: Jörg Waschinski, Markus Schäfer, Alison Browner, Anke Krabbe. Leitung: John Fiore. Weitere Höhepunkte: Das Uri-Caine-Ensemble mit einer Bearbeitung von Schumanns "Dichterliebe" (12. und 13. Juli), ein Duoabend von Lisa Maria Landgraf (Violine) und Tobias Koch (Klavier) am 15. Juli, ein Liederabend von Matthias Goerne (17. Juli) sowie zwei Orchesterkonzerte mit dem Concerto Köln (16. und 18. Juli). Weitere "Nachtwanderungen" gibt es am 16. und 17. Juli. Karten unter www.schumannfest-duesseldorf.de oder 01 80 / 5 64 43 32.
Das Paradies und die Peri
2004




vers le haut