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12 mars 2005
Hannoversche Allgemeine Zeitung
Alexandra Glanz
Malen nach Qualen
Beautiful Children
Seine Kunst kann verletzen, denn sie spiegelt die Schrecken des vergangenen Jahrhunderts. Jetzt zeigt das Wilhelm-Busch-Museum 50 Bilder von Gottfried Helnwein. Die Kinder, die der heute 56-Jährige malt, sind wirklich schön, egal, was ihnen zugestossen ist. Der Betrachter ahnt, dass künstlerische Eingriffe vorgenommen wurden, er kann aber nicht erkennen welche. So wie man sieht, dass mit den abgebildeten Kindern etwas Schlimmes geschehen sein muss, der Betrachter die Qual jedoch nicht durchschauen kann. Heiner Müller, für dessen “Hamletmaschine” der Künstler 1997 das Bühnenbild entwarf, meinte mal: “Wie hält ein freundlicher Mensch wie Helnwein es aus, seine – exzellente – Malerei zum Spiegel der Schrecken des Jahrhunderts zu machen?” Und weiter überlegte Müller: “Oder hält er es einfach nicht aus, das nicht zu tun?” Richtig.
Modern Sleep I
photograph, 2003

Er ist der Mann mit den bösen Bildern. Vor allem mit den anstössigen Bildern. Mancher mag seinen Namen nicht kennen, seine Kunst ist umso mehr Menschen ein Begriff. Spätestens seit eines der Selbstporträts auf dem Scorpions-Plattencover “Blackout” 1982 für Aufsehen sorgte: In den Augen des Mannes, der mit bandagiertem Kopf Munchs “Schrei” zu verstärken scheint, steckt je eine Gabel. Im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover darf das (geringfügig variierte) Selbstbildnis nicht fehlen, wenn am Sonntag Gottfried Helnweins 50 Werke umfassende Schau “Beautiful Children” eröffnet wird. Schöne Kinder. Nichts für Zartbesaitete.
Die Kinder, die der heute 56-Jährige malt, sind wirklich schön, egal, was ihnen zugestossen ist. Häufig überträgt Helnwein seine Fotos auf Leinwand, dann kommt die “Mischtechnik” zum Zug, und das übermalen beginnt. Mit Öl oder Acryl. Der Betrachter ahnt, dass künstlerische Eingriffe vorgenommen wurden, er kann aber nicht erkennen welche. So wie man sieht, dass mit den abgebildeten Kindern etwas Schlimmes geschehen sein muss, der Betrachter die Qual jedoch nicht durchschauen kann.

“Epiphanie III, Vorstellung im Tempel” heisst eines dieser “furchtbaren” Bilder. Ein Mädchen im weissen Kleid liegt auf einem Holztisch, von den Knien abwärts baumeln die Beine über den Rand. Neun grausam entstellte Männer stehen im Halbkreis um das Kind herum. Es sind Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg, als die plastische Chirurgie sich noch nicht um solche Fälle kümmerte. Das Mädchen wurde nachträglich ins historische Foto montiert. Ähnlich funkioniert auch die “Epiphanie I, Anbetung der Könige”: Maria mit dem Jesuskind umringt von SS-Soldaten.

“Karikatur ist nicht nur Witz”, sagt die Kuratorin und Vizechefin des Wilhelm-Busch-Museums, Gisela Vetter-Liebenow. “Sie bedeutet sehr oft auch Verletzung.” Helnweins Bilder zeigen nicht nur Verwundungen, sie können auch den verletzen, der sie anschaut. Deshalb hat der einstige Ministrant aus einem Wiener Arbeiterviertel auf seinem künstlerischen Weg auch manches Gemüt erregt. Fussballer und Popstars mögen das und haben sich immer wieder bereitwillig von dem populären Künstler porträtieren lassen. Das jüngste Beispiel von Helnweins Verbindung mit der Glamourwelt ist in Hannover auch vertreten: eine obszöne Maskerade mit Marilyn Manson.
Mit einem christlich anmutenden Titel wie der Epiphanie, die die Kirche am 6. Januar feiert, oder den “Schlafenden Engeln”, die tot geborene Kinder zeigen, betont Helnwein die Leidensfähigkeit des Menschen, die dabie allerdings trivialästhetisch gebrochen wird. Carl Barks, der Schöpfer des Donald Duck, habe ihn über die abendländische Kunst mehr gelehrt als Picasso, sagt er. Im Frühjahr 1994 kam Helnwein mit einer von ihm zusammengestellten und organisierten Barks-Ausstellung schon einmal ins Wilhelm-Busch-Museum.

Im Katalog beschreibt Helnwein, der inzwischen auf einem Schloss im Süden Irlands residiert, wie Walt Disney Held Donald Duck ihn umarmt habe. Das war im grauen Nachkriegs-Wien, als der Vater aus dem Büro nach Hause kam und Klein Gottfried die ersten deutschen Mickymaus-Hefte mitbrachte: “Ich blinzelte, weil sich meine Augen noch nicht an das gleissende Licht der Sone von Entenhausen gewöhnt hatten.”
Das gleissende Licht ist auf seinen Bildern immer noch sichtbar: in monumental glänzenden Oberflächen. Die Formate sind manchmal kurz davor, das Wallmoden-Palais zu sprengen. Fünf Meter misst eine irische Ideallandschaft. Aber auch das monochrome, das Graue der Kindertage, ist noch vorhanden. Die Farbe ist völlig blass. Und Donald Duck geistert durch Helnweins Welt, als sei er einer schwarzweissen Filmindustrie entsprungen.
An der Wiener Kunstakademie hat Helnwein Malerei studiert. Doch von Anfang an war dem Rebellen jedes Mittel recht, um den Finger in gesellschaftliche Wunden zu legen. Performances (Happenings sagte man dazu in den 60er Jahren) und politischer Aktionismus waren kaum zu unterscheiden. Mit Titelblättern für Magazine wie “Time” oder “Esquire” wurde er einem breiten Publikum vertraut.

Ebenso mit rabiaten Grenzüberschreitung in Richtung Theater. 1988 entwarf der vierfache Vater das Plakat zu Peter Zadeks “Lulu” im Hamburger Schauspielhaus, ein Jahr später das Bühnenbild und die Kostüme zu Kresniks “Macbeth” in Heidelberg. In diesem Jahr gehört zum Arbeitspensum noch ein “Rosenkavalier” (Regie: Maximilian Schell” für die Oper in Los Angeles, wo Helnwein seit drei Jahren ein Atelier besitzt.

Heiner Müller, für dessen “Hamletmaschine” der Künstler 1997 das Bühnenbild entwarf, meinte mal: “Wie hält ein freundlicher Mensch wie Helnwein es aus, seine – exzellente – Malerei zum Spiegel der Schrecken des Jahrhunderts zu machen?” Und weiter überlegte Müller: “Oder hält er es einfach nicht aus, das nicht zu tun?” Richtig.
installing "Modern Sleep"
2003
Gottfried Helnwein in Hannover
Die Ausstellung wird am morgigen Sonntag, 11.30 Uhr, im Beisein des Künstlers eröffnet. Zu sehen bis 12. Juni, dienstags bis freitags von 11 bis 17 Uhr, sonnabends, sonntags und an Feiertagen 11 bis 18 Uhr. Kar-freitag geschlossen.
Führungen: sonntags, 11.30 Uhr.
Der Katalog, der mit der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen entstand, kostet 24,50 Euro.
Gespräche über die Ausstellung gibt es mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer am 24. April,
mit Landesbischöfin Margot Kässmann am 3. Mai
und mit Schauspiel-Intendant Wilfried Schulz am 19. Mai. Beginn ist jeweils um 18 Uhr.




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